Das WM-Tagebuch von Johann Vogel

Realisiert durch Credit Suisse, Emagazine:
Andreas Schiendorfer, Redaktion emagazine
Steven Semeraro, Content Manager
Andreas Meier, Bilder



27.06.2006
Mit 85 Länderspielen startete Johann Vogel als erfahrenster Spieler ins Weltmeisterschaftsabenteuer. In diesem Tagebuch schildert er die WM aus ganz persönlicher Sicht. Entstanden ist es, wie schon der Live Chat im Mai, in Zusammenarbeit von credit-suisse.com/fussball und johannvogel.ch. Die Fotos stam- men von Andreas Meier. Erleben Sie noch einmal die ganze WM - Tag für Tag!


Mo Di Mi Do Fr Sa So
8.6 9.6 10.6 11.6
12.6 13.6 14.6 15.6 16.6 17.6 18.6
19.6 20.6 21.6 22.6 23.6 24.6 25.6
26.6 27.6



Johann Vogel während der drei Testspiele gegen Côte d' Ivoire, Italien und China.
(Bilder anklicken!)

Donnerstag, 8. Juni 2006: Herzlicher Empfang in Bad Bertrich
Jetzt geht die WM los! Mit der Ankunft in Deutschland haben bei uns die Spannung und die Stimmung nochmals zugenommen. Die Reise hierher war streng, verlief aber problemlos. Zuerst hatten wir im Flughafen eine Autogrammstunde, bei der wir vielen Fans eine Freude bereiten konnten. Umgekehrt war es für uns ebenfalls ein grosser Aufsteller, zum Abschied aus der Schweiz eine Mannschaftsfoto vor dem Giant Fan Picture zu machen. Unzählige kleine Fotos bilden zusammen das grosse Bild der Nationalmannschaft. Das sieht super aus und zeigt uns, dass wirklich das ganze Land hinter uns steht.

Der Flug nach Frankfurt-Hahn dauerte rund eine Dreiviertelstunde und die Busfahrt nach Bad Bertrich nochmals etwa gleich lang. Es hat geheissen, Bad Bertrich sei ein kleines, verschlafenes Nestchen, in dem nichts los sei. Wir haben das aber bereits bei unserer Ankunft anders erlebt. Wir wurden ausserordentlich herzlich empfangen. Das war das reinste Volksfest. Sogar mit Alphornbläsern. Nach einer kurzen Erholungsphase in unserem Hotelzimmer absolvierten wir ein erstes Training, um den Platz kennenzulernen und die Beine nach der Reise etwas zu lockern. Und während der ganzen Zeit machte eine Guggenmusig Stimmung!

Nun - um 20.30 Uhr - gibt es Nachtessen. Nachher werde ich wohl bald einmal schlafen gehen, denn am Morgen steht bereits wieder ein Training auf dem Programm. Danach folgt die Pressekonferenz, zu der jeden Tag fünf Spieler aufgeboten werden. Als Captain bin ich morgen ebenfalls dabei. Aber ein paar Minuten Zeit, um in mein Tagebuch zu schreiben, werde ich schon finden. Ob es dann aber schon viel zu berichten gibt, weiss ich nicht. Viel Zeit, um das Dorf auszukundschaften wird jedenfalls morgen nicht bleiben. Lasst Euch einfach überraschen.

Bis bald Euer Johann

PS. Wer mir etwas mitteilen möchte, kann einfach auf meiner Homepage ins Gästebuch schreiben. Ich werde sicher jeden Tag mal kurz hineinschauen, auch wenn ich dann natürlich nicht jedem sofort antworten kann.



Die Verabschiedung der Nationalmannschaft am Flughafen Kloten. (Bilder anklicken)


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Freitag, 9. Juni: "Heute tippe ich auf Argentinien als Weltmeister“
Heute schreibe ich früher als gestern ins Tagebuch. Mit gutem Grund: Um 18 Uhr habe ich noch einen wichtigen Termin... Eigentlich schon vorher, denn ein Vertreter der FIFA kommt vorbei, um uns über die aktuelle Regelauslegung der Schiedsrichter zu informieren. Das ist wichtig, sonst erhält man plötzlich eine Verwarnung für ein Foul, das in der Liga toleriert worden wäre.

Doch der Reihe nach: Das heutige Training wurde auf elf Uhr angesetzt. Und weil wir nur einmal trainierten, war es ziemlich streng. Während anderthalb Stunden übten wir vor allem verschiedene Spielformen. Zuschauer hatte es zwar nicht mehr so viele wie gestern, aber die zahlreichen Medienvertreter waren natürlich anwesend.

Nach einer kurzen Mittagspause war um 14 Uhr die Medienkonferenz mit den fünf Spielern Valon Behrami, Diego Benaglio, Stéphane Grichting, Dani Gygax und Johann Vogel. Wir sitzen jeweils an einem Tisch, und alle Journalisten, die etwas wissen wollen, kommen vorbei.

Von einem Journalisten wurde ich gefragt, ob ich ebenfalls hoffe, dass Deutschland nicht gut abschneide. Das ist bei mir überhaupt nicht der Fall. Abgesehen von unserer eigenen Mannschaft habe ich überhaupt keine Präferenzen. Natürlich interessieren mich die Holländer und Italiener speziell, weil ich einige jener Nationalspieler persönlich kenne, aber im Prinzip bin ich völlig neutral. Es soll für alle 32 teilnehmenden Teams und deren Fans ein Riesenfest werden! Alle sollen Sieger sein, auch wenn es natürlich am Schluss nur einen Weltmeister gibt. Wer wird es sein? Diese Frage beantworte ich mir selbst alle paar Tage anders. Im Moment tippe ich auf Argentinien. Vorher war es Brasilien. Insgesamt stufe ich die Südamerikaner als etwas stärker als die Europäer ein; aber das soll nicht heissen, dass wir chancenlos wären, falls wir irgendwann auf die Brasilianer treffen würden.

Bevor ich mich um 17 Uhr mit den FIFA-Regeln auseinandersetze, will ich jetzt noch rasch in die Massage gehen und die Wellness-Anlage des Hotels "testen“. Bis morgen.





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Sam, 10. Juni 2006: Finanzielles muss rechtzeitig geregelt werden
Die Nachricht vom Rücktritt von Otto Pfister und Piet Hamberg als Trainer von unserem Gruppengegner Togo hat natürlich auch Bad Bertrich erreicht. Auf die Spielstärke Togos wird dies kaum einen Einfluss haben, denn nicht selten wachsen angeschlagene Gegner – beispielsweise wenn sie nach einem Platzverweis in Unterzahl spielen müssen – über sich hinaus. Togo müssen wir aber so oder so schlagen, wenn wir in den Achtelfinal gelangen wollen.

Zum westafrikanischen Prämienstreit will ich mich nicht konkret äussern. Aber zwei Sachen sind sicher: Erstens geht kein Spieler primär an die Weltmeisterschaft, um Geld zu verdienen. Das einmalige sportliche Erlebnis steht für alle im Vordergrund. Zweitens ist es unverzeihlich, wenn eine solche Frage nicht vor Beginn der eigentlichen WM-Vorbereitung geregelt ist.

Unsere Prämien sind vom SFV und vom Spielerrat, dem neben mir als Captain auch Patrick Müller, Raphael Wicky, Pascal Zuberbühler und Alex Frei angehören, frühzeitig abgemacht worden. Sie wurden kommuniziert und sind deshalb kein Geheimnis. Wir erhalten pro Vorrundenpunkt 5000 Franken sowie für eine Qualifikation für den Achtelfinal zusätzlich 75 000 Franken. Eine Viertelfinalqualifikation wird mit weiteren 85 000 Franken honoriert, die Halbfinalqualifikation mit 110 000 Franken, die Finalqualifikation mit 120 000 Franken und der Titel ist mit weiteren 120 000 Franken dotiert. Gewinnen wir alle Spiele können wir also 555 000 Franken verdienen. Das ist nicht wenig, aber der Verband würde in einem solchen Falle natürlich ein Mehrfaches erhalten. Im Minimum sind es rund sieben Millionen Franken.

Wir träumen davon, Weltmeister zu werden, und geben auch alles, um diesen Traum zu erfüllen. Aber objektiv gesehen, sind die Chancen nicht sehr gross. In den Wettbüros werden sie als 1:80 eingestuft. Mit anderen Worten: Wenn wir Weltmeister werden, kann auch der, der auf uns gewettet hat, reich werden…


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Sonntag, 11. Juni 2006

Heute nach dem Frühstück sind wir eine halbe Stunde durch Bad Bertrich spaziert. Das tat gut, einmal aus dem Hotel rauszukommen, allerdings waren auf Schritt und Tritt Journalisten und Fotografen dabei. Sie tun ihren Job und tragen wesentlich dazu bei, dass in der Schweiz eine derartige Fussballeuphorie herrscht, aber manchmal hätte man doch auch gerne seine Ruhe… Am Abendtraining durfte dann allerdings niemand zusehen. Und weil alles so streng geheim war, werde ich natürlich nichts ausplaudern. Nur dies: Valon Behrami, den ja Adduktorenprobleme plagten, konnte wieder voll mittrainieren.

Ich habe mir das Eröffnungsspiel Deutschland – Costa Rica angeschaut und auch sonst einige Partien, sei es live, sei es als Zusammenfassung. Mich hat vor allem das technische Niveau aller Mannschaften positiv überrascht. Da wurde wirklich guter Fussball geboten. Und die Kleinen – Trinidad & Tobago, Ecuador, aber auch der Iran und Angola – können gut mithalten, obwohl ihnen vielleicht in der letzten halben Stunde die Kraft fehlt. Es gibt heute keine einfachen Spiele mehr.

Am Freitag war, wie ich berichtet habe, der Regelexperte der FIFA bei uns. Eigentlich hat er uns nichts Neues gesagt. Für ein Tackling von hinten oder von der Seite gibt es die gelbe Karte, und wenn jemand für den Gegenspieler eine gelbe Karte fordert, erhält er gleich selbst eine. Ich hoffe nur, dass die Regeln auch gegen die grossen Mannschaft konsequent angewandt werden; bei der EURO 2004 hatten wir manchmal das Gefühl, es gäbe, unbewusst wohl, einen gewissen Prominentenbonus. Bis jetzt haben die Schiedsrichter jedoch, so weit ich es gesehen habe, sehr gut gepfiffen.


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Montag, 12. Juni 2006 - der Tag vor dem grossen Spiel

Die Credit Suisse hat eine WM-Countdown-Clock eingerichtet – dargestellt auf dem Rücken einiger Schweizer Spieler zählt diese rückwärts, Sekunde um Sekunde, bis zum ersten Spiel der Nationalmannschaft gegen Frankreich. Natürlich hat die Weltmeisterschaft bereits am Freitag begonnen, aber so richtig los geht es für uns Schweizer eben doch erst morgen Dienstag. Am Morgen sind wir nach Stuttgart geflogen, und alle Spieler haben um 12.45 Uhr an einer Medienkonferenz in unserem Stuttgarter Hotel – Le Méridien – teilgenommen. Um 19.15 Uhr findet ein geschlossenes Training im Gottlieb-Daimler-Stadion statt. Aber nicht nur deshalb will ich mich etwas kürzer als sonst fassen: Unsere ganze Konzentration gilt nun der Spielvorbereitung.

Welche elf Spieler werden morgen auflaufen? Der Trainer hat eine schwierige Entscheidung zu treffen. Fest steht für mich, dass immer alle 24 Spieler, Johan Vonlanthen miteingeschlossen, zu unserer Mannschaft gehören, auch die, welche auf der Ersatzbank oder gar nur auf der Tribüne sitzen. Sie sind ebenso wichtig wie die Stammspieler. Innerlich begreifen Sie vielleicht nicht, warum sie bloss Ersatz sind, aber sie tragen dieses Los mit dem Respekt vor der Entscheidung des Trainers, denn sie wissen, eine Polemik um die Aufstellung kann nur dem Gegner helfen. Die Franzosen sind in dieser Beziehung, wie man hört, mannschaftlich nicht so geschlossen. Uns kann das nur recht sein.

In Feusisberg haben wir ein Trikot angezogen, auf dem wir dem nach dem Skandalspiel in Istanbul gesperrten Benjamin Huggel zeigen wollten, dass wir auch für ihn spielen. Das ist so, aber an dieser Stelle möchte ich den Kreis dieser daheimgebliebenen „Mitspieler“ ergänzen. Nicht weniger als 27 Spieler setzte Jakob Kuhn in den Qualifikationsspielen ein – einige von ihnen gehören nun nicht dem WM-Kader an.

Als Captain möchte ich im Namen der Mannschaft auch Euch danken: Bernt Haas (3 Qualifikationsspiele), Murat Yakin (3), Stéphane Henchoz (2), Alain Rochat (1), Benjamin Huggel (4), Johann Lonfat (5), Reto Ziegler (3), Alexandre Rey (2) und Thomas Häberli (1). Zusammen mit Patrick Müller und Pascal Zuberbühler durfte ich alle zwölf Partien durchspielen. Das erfüllt mich mit Stolz, aber es beinhaltet auch die Verantwortung, nun an der WM besonders stark und mannschaftsdienlich zu spielen.

Morgen zählen wir auf Euch: Johann

PS. Am 20. Mai führten wir einen Live Chat durch. Dabei verlosten wir auch zwei signierte Trikots. Das Trikot mit den Unterschriften des AC Milan erhält Frank Negri, das Trikot mit den Unterschriften der Schweizer Nationalmannschaft geht an Jeannine Tresch. Herzliche Gratulation.


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Dienstag, 13. Juni 2006 - der Höhepunkt meiner Karriere

Nur noch wenige Stunden bis zum Anpfiff. Das ist der Höhepunkt meiner Karriere. Keine Frage also, dass ich topmotiviert bin. Nach zwei Teilnahmen an einer Europameisterschaft ist dies meine erste Weltmeisterschaft. Das ist nochmals eine ganz andere Dimension: Du stehst auf dem Platz, und die ganze Welt schaut zu. Auch die Schweiz. Rund zwei Millionen werden das Spiel am Fernsehen verfolgen, und in Stuttgart erwarten wir mindestens 20 000 Fans, die das Stadion in ein Meer von Rot und Weiss verwandeln und uns zu einer Superleistung anspornen werden.

Viel ist um die Schweizer Aufstellung gerätselt worden. Ich freue mich, dass mein Copain Patrick Müller wieder fit ist. Er wird sicher eine gute Partie liefern, doch hätte ich auch in Johan Djourou volles Vertrauen gehabt. Vorne sind wir mit dem Zwei-Mann-Sturm Alex Frei und Marco Streller sehr offensiv. Das widerspiegelt unsere Einstellung. Wir haben nichts zu verlieren und versuchen mit einem attraktiven, offensiven Spiel unseren Teil zu einem grossen Fussballfest beizutragen.

Bei den Franzosen ragt natürlich Thierry Henry heraus. Mit seiner Schnelligkeit und seiner Ballbehandlung kann er alleine ein Spiel entscheiden. Nominell ist er die einzige Sturmspitze. Aber mit Ribéry, Wiltord und Zidane treten die Franzosen mit drei sehr offensiven Mittelfeldspielern an. Viel wird also an Raphael Wicky und mir liegen: Wir müssen diesen Angriffswirbel bereits im Mittelfeld stoppen und so die Verteidigung entlasten.

Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingt und dass wir mindestens einen Punkt holen. Ich wünsche allen Lesern ein tolles Spiel.

Euer Captain Johann Vogel

PS. Ein herzlicher Gruss an Lara Ferrari, mit der ich die Bürolehre in Zürich absolvierte und die gestern Abend in das Gästebuch von www.johannvogel.ch hingeschrieben hat.

2.PS. 0:0 Es ist geschafft. Wir haben den Tresor dicht gehalten. Herzlichen Dank für Eure Unterstützung! J.




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Mittwoch, 14. Juni: Ein Punkt gegen Frankreich ist Gold wert

Das erste Spiel ist vorbei. Wir sind stolz und glücklich, dass wir gegen Frankreich ein Unentschieden erreicht haben. Gegen diesen WM-Mitfavoriten ist jeder Punkt Gold wert. Die Ausgangslage ist nun günstig für uns, denn Frankreich ist gegen Südkorea bereits ziemlich unter Druck. Natürlich müssen wir gegen Togo ebenfalls gewinnen, aber das ist die leichtere Aufgabe. Wenn wir nach zwei Partien die Rangliste anführen könnten, wäre das psychologisch ein Riesenvorteil für uns.

Am meisten beeindruckt hat mich bei dieser Partie die Zuschauerkulisse. Als wir das Spielfeld zu unserem ersten Weltmeisterschaftsspiel betraten, sahen wir nur noch Rot und Weiss. Das ist phantastisch, man fühlt sich als Spieler sofort viel stärker. Wir wussten: Nun kann nichts schief gehen. Wenn wir, wie erhofft, den Achtelfinal oder noch mehr erreichen, dann haben auch die Fans einen grossen Anteil daran.

Die Partie selbst war vielleicht nicht gerade hoch stehend, aber die Kritiker berücksichtigen die grosse Hitze zu wenig. 31 Grad waren es, und auf dem Spielfeld wohl noch mehr. Deswegen habe ich vor dem Spiel extrem viel Wasser getrunken. Das hatte zur Folge, dass es mir relativ gut ging und ich nur zwei Kilogramm verlor. Im Durchschnitt sind es aber vier bis fünf Liter gewesen! Vor allem in der ersten Hälfte, als wir in der prallen Sonne spielten, war das fast „mörderisch“, in der zweiten Halbzeit war es dank des Schattens ein bisschen besser. Nun geht es darum, sich möglichst gut zu erholen. Als Zuschauer denkt man vielleicht: Das geht ja noch sehr, sehr lange, bis die Schweiz am Montag gegen Togo spielt. Wir aber haben so viel Substanz verloren, dass wir froh sind um diese spielfreien Tage.

Herzlichen Dank für Eure Unterstützung
Euer Johann

PS. Wir haben nun unter den Teilnehmern am Tagebuch-Wettbewerb das erste signierte Trikot verlost. Gewonnen hat es Gabriela Schäfer aus Unterkulm. Herzliche Gratulation – ich bitte aber um Verständnis, dass wir die Trikots erst nach der Weltmeisterschaft verschicken. Vielleicht sind sie dann umso mehr wert...




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Donnerstag, 15. Juni: Besuch aus der Heimat

Am Dienstag und Mittwoch waren die Spielerfrauen, die untereinander sehr gut auskommen, bei uns zu Gast. Sie schauten sich das Spiel in Stuttgart an und flogen dann mit uns zurück nach Frankfurt. Ich habe den Besuch von Leslie sehr genossen. Als Fussballer sind wir es uns natürlich gewohnt, dass wir immer wieder einige Tage von zu Hause fort sind; aber bei einer Weltmeisterschaft ist es doch nochmals deutlich länger als üblich.

Auch wenn wir natürlich täglich telefonierten, tut es gut, von Angesicht zu Angesicht miteinander zu reden, zu hören, wie es den drei Kindern geht, zu spüren, dass es noch etwas Wichtigeres gibt als den Beruf. Ich habe immer darauf geachtet, dass ich ein geordnetes Privatleben führen kann, einen Hort des Wohlfühlens besitze, eine Rückzugsmöglichkeit ohne das ständig der Fotoapparat eines Journalisten mit dabei ist. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft haben wir uns ein bisschen mehr geöffnet als früher, eine Fernsehequipe hat Leslie sogar in Italien besucht. Aber noch mehr von der Privatsphäre möchte ich nicht preisgeben. Ich bin sicher, dass das bei mir auf die Leistung drücken würde.

Heute habe ich vor allem ausgeschlafen, bin danach in den Wellness-Bereich gegangen und habe nachher mit meiner Frau Minigolf gespielt. Schade, dass meine drei Kinder Jadil, Ileya und Léann nicht hier sein können, aber die beiden älteren besuchen bereits die Schule. Aber so sehr ich sie vermisse, hoffe ich doch, dass wir möglichst lange in Deutschland bleiben können... Auf Wiederlesen! Johann.


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Fr, 16. Juni: In Bad Bertrich ist es weniger eintönig als in Portugal

Am Dienstag und Mittwoch waren die Spielerfrauen, die untereinander sehr gut auskommen, bei uns zu Gast. Sie schauten sich das Spiel in Stuttgart an und flogen dann mit uns zurück nach Frankfurt. Ich habe den Besuch von Leslie sehr genossen. Als Fussballer sind wir es uns natürlich gewohnt, dass wir immer wieder einige Tage von zu Hause fort sind; aber bei einer Weltmeisterschaft ist es doch nochmals deutlich länger als üblich.

Auch wenn wir natürlich täglich telefonierten, tut es gut, von Angesicht zu Angesicht miteinander zu reden, zu hören, wie es den drei Kindern geht, zu spüren, dass es noch etwas Wichtigeres gibt als den Beruf. Ich habe immer darauf geachtet, dass ich ein geordnetes Privatleben führen kann, einen Hort des Wohlfühlens besitze, eine Rückzugsmöglichkeit ohne das ständig der Fotoapparat eines Journalisten mit dabei ist. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft haben wir uns ein bisschen mehr geöffnet als früher, eine Fernsehequipe hat Leslie sogar in Italien besucht. Aber noch mehr von der Privatsphäre möchte ich nicht preisgeben. Ich bin sicher, dass das bei mir auf die Leistung drücken würde.

Heute habe ich vor allem ausgeschlafen, bin danach in den Wellness-Bereich gegangen und habe nachher mit meiner Frau Minigolf gespielt. Schade, dass meine drei Kinder Jadil, Ileya und Léann nicht hier sein können, aber die beiden älteren besuchen bereits die Schule. Aber so sehr ich sie vermisse, hoffe ich doch, dass wir möglichst lange in Deutschland bleiben können... Auf Wiederlesen! Johann.


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Samstag, 17. Juni:
Ein paar Regentropfen wären mir nicht unangenehm

Heute morgen um 10.30 Uhr fand eine Pressekonferenz mit allen Spielern und gleich anschliessend eine nur mit Trainer Jakob Kuhn statt. Das ist mittlerweile eine Routineangelegenheit für uns. Wir wissen, es gehört dazu, und deshalb geben wir auch bereitwillig Auskunft.

Das Training fand diesmal um 15 Uhr statt, um möglichst die Spielsituation vom Montag zu simulieren. Es war wiederum höllisch heiss, doch ist der Wetterbericht für die kommenden Tage weniger gut. Mir persönlich wäre es durchaus recht, wenn es am Montag bedeckt wäre oder gar regnen würde. Das wäre mir lieber als diese brütende Hitze. Aber so oder so gibt es natürlich nur eines: Alles zu geben, damit wir den ersten Sieg an dieser WM "einfahren“.

Wenn ich an die Weltmeisterschaft 1994 zurückdenke (ich war 17 Jahre alt, spielte aber bereits seit zwei Jahren beim Grasshopper-Club Zürich), dann wäre mir der gleiche Ausgang wie beim damaligen zweiten Gruppenspiel mehr als recht. Die Schweiz hatte zum Auftakt gegen Gastgeber USA 1:1 gespielt und schlug dann das starke Rumänien mit 4:1. Die heutigen Fussball-Kommentatoren Adrian Knup (zwei Tore zum 3:1 und 4:1) und Alain Sutter (erzielte mit gebrochener Zehe ein Tor) zeigten damals beeindruckende Leistungen. Ebenfalls ein Tor erzielte Stéphane Chapuisat.

Heute hat die WM die erste Sensation erlebt. Das 0:0-Unentschieden von Trinidad und Tobago gegen Schweden war eine grosse Überraschung, das 2:0 von Ghana gegen die Tschechische Republik, die Nummer 2 der Welt, ist aber eine absolute Sensation – und nach den gezeigten Leistungen durchaus verdient.

Die Côte d'Ivoire scheidet zwar nach den beiden 2:1-Niederlagen gegen Argentinien und Holland aus, zeigte aber starke Leistungen. Und Angola zeigte gestern mit seinem 0:0 gegen Mexiko, dass die afrikanischen Mannschaften wirklich nicht unterschätzt werden dürfen. Wir nehmen deshalb auch das Spiel gegen Togo keineswegs auf die leichte Schulter. Das wird ein hartes Stück Arbeit – und doch zählt nichts anderes als eine Sieg. Noch knapp zwei Tage…

topmotiviert, Johann.


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Sonntag, 18. Juni: Alles verläuft nach dem Togo-Fahrplan

Um 10.30 Uhr sind wir von Frankfurt nach Dortmund geflogen und dann mit dem Bus weiter nach Bochum gefahren, wo wir in einem Hotel gleich neben dem Stadion des Vfl Bochum logieren, der ja mit Marcel Koller wieder in die erste Bundesliga aufgestiegen ist. Um 17.30 Uhr fand dann ein geschlossenes Training statt. Dabei ging es nicht um grosse spieltaktische Varianten, sondern vor allem darum, die Beine zu lockern, etwas zu schwitzen und das Stadion, wo morgen 60 000 Zuschauer sein werden, zu beschnuppern.

Die Aufstellung von morgen weiss ausser Jakob Kuhn nach wie vor niemand. Aber darüber wird natürlich in den Medien spekuliert und auch bei uns machen sich die Spieler natürlich ihre Gedanken. Darauf will ich hier nicht eingehen. Immerhin kann der Trainer fast aus dem Vollen schöpfen. Einzig Valon Behrami ist noch nicht einsatzbereit. Ludovic Magnin hat noch gewisse Schmerzen wird aber spielen können, wenn ihn der Trainer aufstellt…

Vor uns hätten eigentlich die Spieler aus Togo trainieren sollen. Sie kamen aber erst später. Scheinbar wollte ein Teil der Spieler streiken, weil offenbar nicht einmal die Prämien für die WM-Qualifikation bezahlt worden sind. Das Theater um die Mannschaft von Togo geht jeden Tag weiter. Fast scheint es, es sei gewollt. Jedenfalls müssen wir darauf achten, dass wir dadurch nicht in unserer Konzentration gestört werden. Für die afrikanischen Spieler scheint dies zum courant normal, zur Tagesordnung zu gehören…

Jetzt klopft es. Leslie kommt auf Besuch. Das ist eine echte Überraschung. Davon habe ich nicht gewusst, ich bin nicht einmal sicher, ob es offiziell erlaubt ist… Ihr versteht, dass ich das Tagebuch bald einmal zuklappe.

Um 21 Uhr findet dann die Partie Frankreich gegen Südkorea statt. Frankreich ist natürlich Favorite. Aber ich gebe keinen Tipp ab. Es gibt kein Wunschresultat für uns. Deshalb ist mir wirklich egal, wie das Spiel endet. Wir haben es selbst in der Hand und in den Füssen, die Qualifikation zu schaffen.

Nun geht es nur noch 19 Stunden bis zum Spielbeginn. Deshalb beginnt es langsam in den Beinen und im Bauch zu kribbeln. Aber nervös bin ich nicht. Dazu bin ich lange genug im internationalen Profifussball tätig.


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Montag, 19. Juni: Einen wichtigen Sieg erkämpft

Um 20 Uhr sind wir – in Begleitung unserer Frauen – mit dem Flugzeug wieder in Frankfurt-Hahn gelandet, eine Dreiviertelstunde später erreichten wir den 27. Kanton, Bad Bertrich. Ein wunderbarer Tag geht zu Ende, und wir sind müde, aber gleichzeitig sehr zufrieden und zuversichtlich hinsichtlich des weiteren Turnierverlaufs.

Alle haben von uns einen Sieg gegen Togo erwartet, auch wir selbst. Wir gingen selbstbewusst in diese zweite Partie; aber gleichzeitig waren wir uns bewusst, dass es kein Spaziergang werden würde. Tatsächlich sind wir nach einem sehr guten Start im zweiten Teil der ersten Halbzeit in ein Loch gefallen. Doch es war keine Überheblichkeit mit im Spiel. Togo versuchte nach dem frühen Rückstand verständlicherweise, seine letzte Chance zu nutzen. Sie gaben alles und kamen auch mit der grossen Hitze besser zurecht als wir. Und Togo hat einige gute Spieler, allen voran Mohamed Kader und Emmanuel Adebayor!

Beanspruchten wir vor der Pause einiges Glück, um den Ausgleich der Afrikaner zu verhindern, so haben wir nach dem Seitenwechsel das Heft wieder fest in unsere Hand genommen. Wir wussten, dass ein 1:0 uns wenig nützen würde. Deshalb strebten wir mit allen Mitteln den zweiten Treffer an. Dass zuletzt gerade Mauro Lustrinelli, der in den Vorbereitungsspielen nie eingesetzt wurde, den alles öffnenden Pass gab, mag ich ihm gönnen, und es zeugt vom guten Geist in unserer Mannschaft.

Die Ausgangslage nach dem 2:0 Sieg gegen Togo ist hervorragend. Uns reicht am Freitag gegen Südkorea bereits ein Unentschieden, um vor den Asiaten zu liegen. Gewinnen wir – und das streben wir an -, dann sind wir sogar Gruppensieger. Das wäre eine schöne Belohnung für unsere sensationellen Fans. In Dortmund haben wir ein Heimspiel ausgetragen, und wir wissen, dass in der Schweiz fast alle vor dem Fernseher sitzen und uns den Daumen drücken. Für unsere Moral wäre ein Gruppensieg natürlich super. Aber für den weiteren Turnierverlauf ist das nicht so wichtig – ob wir gegen Spanien oder gegen die Ukraine spielen, spielt letztlich keine Rolle, an einer Weltmeisterschaft gibt es keine einfachen Spiele.

Noch ist es aber nicht so weit! Nichts wäre gefährlicher, als sich zu früh in Sicherheit zu wiegen. Unsere ganze Konzentration gilt von nun der Partie gegen Südkorea, dem schwersten Spiel dieser Weltmeisterschaft.

Danke für Eure Unterstützung Johann






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Dienstag, 20. Juni: Jassen ist wichtiger als England - Schweden

Am Morgen fand ein geschlossenes Training im Uessbachtal-Stadion statt. Es nahmen aber nur jene Spieler teil, die gegen Togo nicht zum Einsatz gelangten. Wir anderen entspannten uns im Wellnessbereich des Hotels oder liessen kleinere Blessuren behandeln. Daniel Gygax scheint sich allerdings relativ schwer verletzt zu haben. Sein Einsatz gegen Südkorea ist fraglich, genau so wie jener von Valon Behrami.

Um 14 Uhr folgte eine Medienkonferenz mit allen Spielern, eine halbe Stunde später jene mit Trainer Kuhn. Sonst genossen wir einen ruhigen Tag. Da unsere Frauen wieder abgereist sind, werden wir heute Abend einen Jass klopfen. Die Weltmeisterschaftspartien, egal ob Deutschland – Ecuador oder England – Schweden, schauen wir uns nicht an, höchstens später eine kurze Zusammenfassung. Wir wollen uns fussballerisch ganz auf unsere eigene Aufgabe konzentrieren.

Heute habe ich vernommen, dass mein Kollege Johan Vonlanthen – wie auch Remo Meyer – einen Wechsel von Breda nach Salzburg vorgenommen hat. Nachdem er wegen einer Verletzung aus dem WM-Kader gestrichen werden musste, bin ich nun überzeugt, dass er in Salzburg seine Chance packen wird. Dort ist man bekanntlich daran, zusammen mit dem Trainergespann Lothar Matthäus – Giovanni Trappatoni wieder eine grosse Mannschaft zusammenzustellen, die in Europa eine Rolle spielen kann.

Ein Journalist fragte mich heute, ob ich, wenn wir die Gruppenspiele überstehen, überhaupt noch Ferien machen kann, bevor die neue Saison wieder beginnt. Tatsächlich sind mir vertraglich 34 Tage Ferien zugesichert. Da kein grosses Turnier stattfindet, ist der Meisterschaftsstart der Serie A entsprechend nach hinten auf den 27. August verlegt worden. Bis zum 7. Juli müssen allerdings meine Töchter noch zur Schule. Deshalb macht es wenig Sinn, wenn ich dann bereits Ferien habe. Mit anderen Worten: Ich hoffe, wir sind dann immer noch in Deutschland beschäftigt…

Nur noch wenige Tage bis zum entscheidenden Spiel! Gruss Johann

Danke für Eure Unterstützung Johann


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Mittwoch, 21. Juni: Die Ruhe vor dem südkoreanischen Sturm

Es gibt Tage in Bad Bertrich, die gleichen sich einer dem andern. Am Morgen Training, am Nachmittag Pressekonferenz für fünf Spieler beziehungsweise Pflege im Wellnessbereich des Hotels, um 20 Uhr Nachtessen und anschliessend etwas Jassen, heute allerdings nicht allzu lang, denn morgen geht es relativ früh los in Richtung Hannover.
Für das Essen ist immer unser Koch Emil Bolli zuständig. Er sorgt dafür, dass wir grösstmögliche Abwechslung geniessen, obwohl wir natürlich viele Teigwaren zu uns nehmen müssen, aber auch Kartoffeln, Fleisch und vieles andere.

Vor der EURO 2004 hat Bolli das Buch „Tischgespräche“ herausgegeben. Es ist immer noch aktuell, obwohl ja der eine oder andere Spieler im Kader gewechselt hat. Aber seine Lieblingsspeise wird ja doch die gleiche geblieben sein! Was ich selbst am liebsten esse? Das könnt Ihr dort nachlesen, deshalb will ich es noch nicht verraten. Doch wenn wir weiterkommen und ich mein Tagebuch noch eine Weile weiterführe, werde ich mein Geheimnis wohl doch noch verraten.

"Er isst nicht päpstlicher als der Papst“, heisst der Beitrag von Emil Bolli im Buch "Köbi Kuhn. Eine Hommage der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft an ihren Trainer“. Darin schildert er Jakob Kuhn aus kulinarischer Sicht. Des Trainers Lieblingsgericht? Gebratene Seezungenfilets mit Limonenbutter, Blattspinat mit Schalotten und Salzkartoffeln.

Das mag wohl stimmen, das mit den Seezungenfilets, mit mir ass Köbi Kuhn aber bei seinen Besuchen stets im "Da Nello“, dem besten Italiener Eindhovens. Dabei sprachen wir auch übers Kochen, über Essgewohnheiten und unsere gemeinsame Liebe zu einem guten Glas Wein. So erfuhr ich beispielsweise, dass er auch gerne selbst in die Küche steht, um am Sonntag einen Gigot rôti, begleitet von einem feinen Champagner-Risotto, zuzubereiten.

Spitzensportler müssen zwar auf eine gesunde Ernährung achten, aber sie können dennoch buchstäblich aus dem Vollen schöpfen...

En Guete – Johann.


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Donnerstag, 22. Juni: Die Fans hätten einen Sieg verdient

Heute Morgen ging es relativ früh los: Um 9.30 Uhr Abreise in Richtung Südkorea. Ein neues Erlebnis für mich, denn Hannover gehört zu den wenigen Fussballstädten von Bedeutung, in denen ich noch nie gespielt habe. Die neue AWD-Arena bietet 49 000 Zuschauern Platz. Ob wieder derart viele Schweizer Fans wie in Dortmund anwesend sein werden? Vermutlich wird es mehr Südkorea-Anhänger als am Montag Togo-Fans haben; aber ich bin trotzdem zuversichtlich, dass sich die Schweizer optisch und akustisch durchsetzen werden. Ihnen würde ich einen Sieg gönnen!

Aber natürlich auch uns selbst. Valon Behrami kann wieder voll trainieren, so dass Trainer Kuhn auf alle Spieler ausser Dani Gygax zurückgreifen kann. Die Aufstellung bleibt aber wie immer geheim bis zum Spieltag. Auch hinsichtlich Taktik wissen wir noch nicht Bescheid. Aber sicher wäre es gefährlich, wenn wir uns ganz auf das Halten des Unentschiedens konzentrieren würden. Wie schnell kassiert man am Spielende ein Tor und kann dann nicht mehr reagieren.

An der heutigen Pressekonferenz im Hotel Schweizerhof haben wieder alle Spieler teilgenommen. In dem relativ kleinen Raum war es ein bisschen eng und heiss für uns alle. Meist werden ja immer ähnliche Fragen gestellt, so dass ich dankbar für die heutige Abwechslung war. Was ich denn von Lee Young-pyo von den Tottenham Hotspurs sowie von Park Ji-Sung von ManU halte, wollten die Koreaner wissen.

Beeindruckend, wie ich alle Spieler dieser Welt kenne, nicht wahr? Nein, Lee und Park folgten nach der Weltmeisterschaft 2002 ihrem Nationaltrainer Guus Hiddink nach Eindhoven, wo ich drei Jahre mit ihnen zusammenspielte. Ich kann wirklich nichts Schlechtes über sie sagen. Es waren gute Kumpels, die fussballerisch enorme Fortschritte gemacht haben. Damit haben sie sich die tollen Transfers im Sommer 2005 wirklich verdient. Sie gehören auch in der neuen südkoreanischen Mannschaft zur Stammelf, Lee als linker Aussenverteidiger, Park als rechter Mittelfeldspieler.

Doch morgen werden wir alle Freundschaft für 90 Minuten (und ein bisschen Nachspielzeit) vergessen, dann wollen wir uns für den Achtelfinal qualifizieren.

Drückt uns die Daumen! Danke Euer Johann.


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Freitag, 23. Juni: So spielt die Schweiz - mit Hakan und Wuschu

1 Pascal Zuberbühler, 23 Philipp Degen, 20 Patrick Müller, 4 Philippe Senderos, 17 Christoph Spycher, 16 Tranquillo Barnetta, 6 Johann Vogel, 7 Ricardo Cabanas, 8 Raphael Wicky, 22 Hakan Yakin, 9 Alexander Frei.


Freitag, 23. Juni: Wir fahren noch lange nicht heim

Das ist fantastisch: Mit diesem 2:0 Sieg haben wir die Achtelfinals erreicht. Hoffentlich werden die Schweizer in Hannover und zu Hause ausgiebig feiern. Wir freuen uns auf eher ruhige Art – bereits am Montag geht es ja weiter mit dem Spiel gegen die Ukraine, und schon morgen früh dislozieren wir an den Spielort nach Köln.

Die heutige Partie haben wir verdient gewonnen. Wir sind durch den schönen Kopfball von Philippe Senderos sehr schnell 1:0 in Führung gegangen, das war natürlich gut für uns. Wir erspielten uns danach noch einige weitere Möglichkeiten, doch wollte das 2:0 einfach nicht fallen. Deshalb mussten wir kurz vor der Pause noch einige heikle Momente überstehen. Aber Zubi hat wirklich grossartig gehalten.

Wir haben als Mannschaft sehr geschlossen und solid gespielt – mit dem holländischen System, das ich von meiner Zeit beim PSV natürlich sehr gut kenne. Nach dem 2:0 durch Alex Frei war uns dann klar, dass wir – wenn wir konzentriert weiterspielen würden – den Gruppensieg erreichen würden. Das ist schon ein Supergefühl!

Wir alle haben uns viel besser gefühlt als in den beiden ersten Spielen. Der Zeitpunkt der Partie macht wirklich viel aus. Um 21 Uhr sind die Temperaturen angenehm. Deshalb konnten wir viel aggressiver spielen als gegen Frankreich und Togo.

Trotzdem haben wir natürlich viel Flüssigkeit verloren. Gemessen haben wir es diesmal aber nicht. Und zum Glück hatte ich noch genügend Wasser in mir, um bei der Dopingkontrolle „Pipi“ machen zu können. Bei jeder Partie werden zwei Spieler per Los dazu bestimmt. Nun wird die Probe in ein Labor geschickt und analysiert, aber ich brauche mir da keine Sorgen zu machen…

Nochmals ein herzliches Dankeschön allen Fans, auch jenen, die auf meiner Homepage ins Gästebuch schreiben, oder mir Post nach Bad Bertrich geschickt haben. Das freut uns immer, mit der Beantwortung lassen wir uns aber Zeit bis nach der WM.

Selbstverständlich verlosen wir nun vor dem Ukraine-Spiel nochmals ein Trikot, welches ich signieren werde. Und von mir aus können später noch weitere folgen: Wir sind nicht nach Deutschland gekommen, um sofort wieder heimzufahren!

Viel Vergnügen bei allen Achtelfinalspielen. Da hat es wirklich spannende Begegnungen darunter. Euer Johann.






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Samstag, 24. Juni: Nun ist alles möglich

Um 13.30 Uhr hat bereits die nächste Pressekonferenz stattgefunden – mit fünf Spielern. Als Captain war ich ebenfalls wieder darunter. Wir sind heute Morgen nach Köln gereist. Weil wir bereits am Montag hier spielen, hatte es keinen Sinn, dazwischen noch nach Bad Bertrich zurückzukehren. Dorthin werden wir also erst wieder am Tag nach dem Spiel gegen die Ukraine fahren. Hoffentlich nicht nur, um die Koffern zu packen.

Für die Spieler, die nicht zum Einsatz gekommen sind, steht anschliessend noch ein Training auf dem Programm. Ich aber werde mich im Wellnessbereich des Hotels von den gestrigen Strapazen erholen.

Wir sind sehr zuversichtlich, und die Stimmung ist vorzüglich. Hoffen wir, dass Philippe Senderos an dieser Weltmeisterschaft noch einmal spielen kann. Gegen die Ukraine wird es dem Kopfballtorschützen wohl nicht reichen, dazu schmerzt die ausgekugelte Schulter allzu sehr. Da gibt es nur eines: Am Montag gewinnen, damit wir noch eine weitere Partie bestreiten können. Dies wäre dann voraussichtlich Italien, und die wiederum haben uns im Freundschaftsspiel in Genf keinen unwiderstehlichen Eindruck hinterlassen…

Solche Gedanken an den weiteren möglichen Turnierverlauf kann man natürlich nicht ganz verhindern. Aber es ist klar, dass ab sofort unsere ganze Konzentration dem Spiel gegen die Ukraine gilt. Das ist ein tückischer, schwerer Gegner. Die bisherigen Leistungen gegen Spanien und auch im Schlussspiel gegen Tunesien waren zwar nicht gerade berauschend, aber gegen Saudi-Arabien haben die Osteuropäer beim 4:0 angedeutet, zu was sie fähig sind. Sie sind körperlich stark, doch spielerisch sind wir ihnen als Mannschaft überlegen. Die Ukraine lebt sehr stark von Andrej Shevchenko, aber an einem Turnier wie diesem ist es wichtiger, dass man über ein starkes Kollektiv verfügt als über einen einzelnen Superstar.

Ich mag es Shevchenko gönnen, dass die Ukrainer die Gruppenspiele nach dem völlig missratenen Auftakt doch noch erfolgreich abgeschlossen haben. In unserem gemeinsamen Jahr in Mailand habe ich ihn als lässen Typen und Superfussballer, von dem ich viel profitieren konnte, kennengelernt. Er hat in der abgelaufenen Saison viel geleistet, deshalb braucht er ab Montag dringend Ferien, damit er in London die in ihn gesetzten Erwartungen auch wirklich erfüllen kann ;-))

Euer Jhnn Vgl


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Sonntag, 25. Juni: Ein Tag wie jeder andere...

Halbzeitpause im Achtelfinal Portugal gegen Holland. Ich nütze die Zeit, um mein Tagebuch nachzuführen. Meine holländischen Kollegen haben in den ersten 45 Minuten nicht besonders gut gespielt, die Führung der Portugiesen durch Maniche ist absolut verdient. Doch mit seinem dummen, mit Gelb-Rot bestraften Handspiel kurz vor der Pause hat der Portugiese Costinha nochmals für Spannung gesorgt. Es ist schon erstaunlich, dass auch absolute Spitzenspieler solche unverständlichen Blackouts haben können.

Ich schaue mir die Partie alleine in meinem Zimmer an, so kann ich gleichzeitig meinen Gedanken nachhängen und mich auch schon auf unser eigenes Spiel konzentrieren. Alles ist nun auf den morgigen Tag ausgerichtet. Von heute gibt es deshalb gar nicht viel zu erzählen. Am Morgen haben wir ausgeschlafen und erst um 10 Uhr gefrühstückt. Der Nachmittag diente dazu, unsere Batterien nochmals aufzuladen. Die Partie gegen Südkorea hat eben doch viel Kraft gekostet. In der ersten Euphorie merkt man das gar nicht, aber eine optimale Regeneration kann in einem solchen Moment entscheidend sein.

Am Mittag gab es eine Pressekonferenz mit allen Schweizer Spielern, von mir wollte man natürlich Auskunft über Andrej Shevchenko erhalten, da ich mit ihm in Mailand zusammengespielt habe. Natürlich habe ich grossen Respekt vor Andrej, als Spieler und als Mensch. Aber ich traue unserer Verteidigung zu, dass sie ihm keinen Torerfolg zulässt. Philippe Senderos ist zwar verletzt, aber es ist gerade die Stärke unserer Mannschaft, dass wir einen solchen Ausfall verkraften können, weil wir über ein sehr ausgeglichenes, gut harmonierendes Kader verfügen. Dani Gygax ist übrigens wieder einsatzfähig, so dass der Trainer im Offensivbereich über verschiedene Optionen verfügt.

Mit dem Kölner Stadion sind Ricardo Cabanas und Marco Streller natürlich bestens vertraut, ich selbst werde morgen hier eine Premiere erfahren. Das Training heute Abend verlief problemlos, allerdings hat es zuvor leicht gewittert – aber nicht so stark wie offenbar in Teilen der Schweiz.

Unsere Frauen kommen morgen das Spiel in Köln anschauen, aber wir werden sie voraussichtlich nicht mehr sehen vorher. Danach steht es ihnen frei, mit uns nach Bad Bertrich zu kommen – wir nehmen gleich nach dem Spiel die zweistündige Fahrt auf uns – oder in Köln zu bleiben.

Im übrigen möchte ich allen danken, die in das Gästebuch meiner Homepage geschrieben und uns gratuliert und Glück für das Spiel gegen die Ukraine gewünscht haben. Dieses Gemeinschaftsgefühl, das der Fussball in der Schweiz ausgelöst hat, ist etwas Einmaliges. Das wird mir genau so in Erinnerung bleiben, wie die WM-Partien selbst.

Das Spiel Portugal – Holland läuft längst wieder.

Darum: bis morgen! Johann Vogel


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Montag, 26. Juni: Eine einmalige Chance verpasst

Köln, 23:38 Uhr. Zubi ist machtlos: Der vierte ukrainische Penaltyschütze Oleg Gusew von Dynamo Kiew trifft zum 3:0 ins Tor. Es ist aus. Wir fühlen alle eine unendlich grosse, unbeschreibliche Leere in uns. Einige von uns können den Tränen freien Lauf lassen, das befreit. Noch eine Aufgabe haben wir zu erfüllen, uns bei den Schweizer Fans im Stadion zu bedanken. Sie haben gemacht, was sie konnten. Ich glaube nicht, dass die „Lukas Podolwski“-Rufe von ihnen kamen und auch die Pfiffe nicht. Ein Danke schön an die Fans, dann in den Boden versinken, in den Bus steigen, zwei Stunden trostlose Heimfahrt nach Bad Bertrich. Für mich kam übrigens nochmals eine Dopingkontrolle hinzu.

Ich bin jedenfalls froh, dass die Zeit nicht mehr reichte, um ins Tagebuch zu schreiben. Jetzt, mit einigen Stunden Abstand, ist die Enttäuschung zwar immer noch da: Auf welch traurige Art haben wir verloren. Ohne einen einzigen Gegentreffer erhalten zu haben in 390 Spielminuten. Nun jedoch können wir wenigstens auch wieder das Positive sehen und uns über die in der Qualifikation und an der Weltmeisterschaft erbrachte Leistungen freuen.

Wie haben wir gespielt? Schlecht? Nein, gegen ein solches Urteil wehre ich mich ganz entschieden. Aber es war natürlich für die Zuschauer kein hochklassiges Spiel. Es lebte von der Taktik und von der Spannung. Man spürte, dass beiden Teams die Frische fehlte. Der Spielplan bescherte uns eine kürzere Erholungsphase als den übrigen Achtelfinalisten. Da wir am Freitag gegen Südkorea an unsere Grenzen gehen mussten, waren zwei Tage wirklich sehr knapp. Zudem litt das Spiel darunter, dass beide Mannschaften eine ähnliche Spielanlage pflegen. Sieht man vom „Unfall“ gegen Spanien ab, haben die Ukrainer wie schon in der Qualifikationsphase bewiesen, dass sie fähig sind, auch unter grossem Druck auf „Zu-Null“ zu spielen. Chancen hatten deshalb auf beiden Seiten absolute Rarität. Doch wenn der Freistoss von Alex Frei...

Zum Penaltyschiessen nur Folgendes: Im Nachhinein ist immer leicht sagen, welche Spieler hätten schiessen sollen und welche nicht. Der Trainer bestimmte die Fünf, die sich in diesem Moment am sichersten fühlten. Niemand wurde gezwungen, niemand fühlte sich überfordert. Ich selbst war froh, nicht unter den Schützen gewesen zu sein. Vor acht Jahren schoss ich meinen letzten Penalty in einem Ernstkampf, diese Aufgabe überlasse ich gerne anderen...

Niemand in der Mannschaft hat den Schützen einen Vorwurf gemacht. Die Harmonie im Team stimmt, auch in diesem traurigen Moment. Aber vergessen, dass wir etwas Grossartiges verpasst haben, kann ich trotzdem nicht so schnell.

Johann






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Dienstag, 27. Juni: Der letzte Tag

Köln, 23:38 Uhr. Für mich ist die Weltmeisterschaft gelaufen. In den vergangenen drei Wochen habe ich so viel erlebt, vor allem Positives, das reicht. Allerdings gehe ich doch davon aus, dass ich mir irgendwo in aller Ruhe den WM-Final anschauen werde...

Die Heimkehr in die Schweiz hat uns sehr über die erste Enttäuschung hinweg getröstet. Der Empfang auf dem Flughafen von Tausenden von Fans war wirklich toll. Die Fans waren ja genau so enttäuscht wie wir Spieler, aber gegenseitig haben wir uns wieder aufgerichtet und sind nun fähig, das Positive zu sehen. Herzlichen Dank auch den Fans, die mir ins Gästebuch geschrieben haben.

Ich habe nun einige Tage Ferien, werde mich zusammen mit meiner Familie erholen und mich dann schon bald wieder auf neue Aufgaben vorbereiten. Ende August beginnt in Italien die Meisterschaft der Serie A wieder. Vielleicht treten wir dann als Titelverteidiger an. Irgendwann in den nächsten Tagen und Wochen fällt der Entscheid im Skandal um Juventus. So leid es mir um die vielen Spieler tut, die nichts dafür können, muss doch allen Manipulationen im Fussball ein Riegel geschoben werden. Sonst geht der Fussball, die schönste Sache der Welt, kaputt!

Herzlichen Dank für Euer Interesse an meinem Tagebuch und an meiner Homepage. Wir werden in der Sommerpause zusammen mit der Credit Suisse die schönsten Bilder von der Weltmeisterschaft aufschalten, schaut einfach wieder mal vorbei auf www.johannvogel.ch

Bis bald. Johann

PS. Am 14. August spiel die Schweizer Nationalmannschaft in Vaduz gegen Liechtenstein, am 2. und 6. September findet in der Schweiz ein Vierländerturnier mit der Schweiz, Österreich, Costa Rica und Venezuela statt, am 11. Oktober spielt die Nati in Innsbruck gegen Österreich. Und nicht zu vergessen: Am 11. Juli beginnt in der Schweiz die U19-Europameisterschaft der Frauen. Unterstützt unsere Frauen. Sie spielen am 11. Juli um 19 Uhr in Winterthur gegen die Niederlande, am 13. Juli um 19 Uhr in Schaffhausen gegen Russland und am 16. Juli um 19 Uhr in Wil gegen Frankreich.


Nachtrag der Redaktion:

Johann Vogels Lieblingsgericht ist - laut dem Buch "Tischgesprä- che" von Emil Bolli - Waadtländer Saucisson mit Lauchgemüse! En Guete.


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